Das Berliner Zimmer

 

Was ist das Berliner Zimmer? 

 

Wohnen Sie in einem Altbau mit Seitenflügel zum Hinterhaus?

Dann hat Ihre Wohnung vielleicht ein Berliner Zimmer!

 

Das Berliner Zimmer liegt in der Nahtstelle zwischen Vorderhaus und Seitenflügel zum Hinterhaus. Sein besonderes Kennzeichen: Es hat nur ein einziges Fenster, das zum Hof hinausgeht.

 

In den unteren Stockwerken ist es daher meist ein ziemlich dunkles Zimmer, vor allem, wenn der Hof eng ist.

 

Im Soldiner Kiez hat man die Seitenflügel und die Hinterhäuser teilweise abgerissen, um die Bebauung aufzulockern. Dort ist das Berliner Zimmer manchmal noch in einem kleinen Fortsatz des ehemaligen Seitenflügels erhalten.

 

Berliner Zimmer als Wohnzimmer
Berliner Zimmer als Wohnzimmer

Das Berliner Zimmer gibt heute ein ruhiges Zimmer ab, oft mit Blick auf Hinterhofgrün. Daher wird es gerne als Schlafzimmer, aber auch als Wohnzimmer benutzt.

 

Bei engem Zuschnitt sind manchmal die Küche oder das Bad im Berliner Zimmer unter-gebracht.

 

Berliner Zimmer als Küche
Berliner Zimmer als Küche

Damit ist das Berliner Zimmer ein Teil unserer Alltagskultur.

 

Das Berliner Zimmer ist typisch für die Berliner Mietshäuser des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Ursprünglich war es ein Durchgangs-zimmer zwischen Vorderhaus und Seitenflügel in großen Bürgerwoh-nungen:

 

Im Vorderhaus befanden sich die reprä-sentativen Wohnräume, im Seitenflügel waren Bad, Küche, Wirtschaftsräume und Dienstbotenstuben untergebracht.

 

Das Berliner Zimmer diente als Empfangs- oder Aufenthaltsraum. 

 

K. F. Schinkel
K. F. Schinkel

Erfunden hat das Berliner Zimmer kein anderer als der berühmte Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) – er wollte den Wohnraum zwischen Vorderhaus und Seitenflügel besser ausnutzen.  Das fanden jedoch die Berliner damals nicht unbedingt gut. So schrieb eine Zeitschrift über Schinkel:

 

„An den Häusern der Bürger praktiziert er seinen Genius wenig. Dass Schinkel auf nichts sonst als die Fassaden achtet, versündigt schwer gegen jene Unglücklichen, welche in solchen Häusern dann Wohnung nehmen.“

 

Trennung zwischen Vorderhaus und Seitenflügel in der Mietskaserne

 

Die Berliner Mietskasernen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, wurden vollständig im Block gebaut: Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus und dazwischen der Hof. Typisch für die Mietskaserne war der Anbau weiterer Seitenflügel und Hinter-häuser, so dass mehrere aufeinander folgende Höfe entstanden.

Mietskaserne Meyer'sche Höfe in der Ackerstraße
Mietskaserne Meyer'sche Höfe in der Ackerstraße

Die Angehörigen der kleinbürgerlichen Mittelschicht wie Büroangestellte, kleine Beamte, Handwerksmeister oder gut verdienende Fachfacharbeiter lebten im luxuriöser ausgestatteten Vorderhaus, während Arbeiter und einfache Handwerker im schlichteren Seitenflügel und in den kargen Hinterhäusern wohnten.

 

In diesen Blöcken war zwischen Vorderhaus und Seitenflügel natürlich kein Durchgang mehr vorgesehen. Das Berliner Zimmer wurde meistens der Vorderhauswohnung zugeschlagen.

James Hobrecht
James Hobrecht

In den Mietskasernen war die Möglichkeit einer gewissen sozialen Durchmischung angelegt, die vielerorts tatsächlich stattfand, so z.B. im Wedding. In manchen Vorderhäusern wohnten sogar kleine Fabrikanten, die im Hinterhaus ihren Betrieb hatten. Allerdings bevorzugten viele von ihnen eine frei stehende Villa.

 

Der Stadtsoziologe Andrej Holm erinnert an den sozial-reformerisch klingenden Anspruch der Mietskaserne, den der preußische Stadtplaner James Hobrecht (1825 - 1902) formulierte, nämlich 1868 in seiner Schrift "Über die öffentliche Gesundheitspflege":

„Nicht 'Abschließung', sondern 'Durchdringung' scheint mir aus sittlichen und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein. In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns auf dem Weg nach dem Gymnasium.“

 

Mit der sog. Gentrifizierung werden Arbeiter und finanzschwache Menschen inzwischen zunehmend aus den Stadtvierteln vertrieben, die im 19. Jahrhundert sozial noch stärker durchmischt waren. Der Wedding gehört leider dazu!

 

Gentrif...dingsbums?

"Erklären Sie es mir, als ob ich vier Jahre alt wäre!"

Bitteschön, hier in diesem süßen kleinen Video.


© Diana Schaal
© Diana Schaal

 

Hartmut Häussermann

(1943 - 2011)

 

Der Stadtsoziologe hat sich wie kein anderer dafür eingesetzt, dass die sich die Politik in Großstädten wie Berlin endlich wieder mit den sozial benach-teiligten Stadtteilen befasst, die besonders von Verslummung bedroht sind.

 

Prof. Dr. Häussermann kann als geistiger Vater des Quartiers-managements bezeichnet werden.

 

Leider ist dieser großartige Wissen-schaftler zu früh von uns gegangen. Hier ein Nachruf.

 

Auch mit dem Problem der Gentrifizierung haben sich Prof. Dr. Häussermann und sein Schüler Andrej Holm auseinandergesetzt.

 

Prof. Dr. Häussermanns  Grabstein auf dem Alten Matthäus-Friedhof wurde nach seinem Namen und seiner Funktion als Stadtsoziologe gestaltet. Fans legten noch zusätzliche Häuschen aufs Grab.